Zwetschken

Da bin ich also wieder, es hat sich nichts verändert. Dabei ist es doch so viele Jahre her. Jahrzehnte!
Ein paar Mücken surren, die hereinscheinenden Sonnenstrahlen bilden für die herumtanzenden Staubpartikel eine Landebahn.
Die Uhr tickt.
Gleichmäßig.
Gleichgültig.
Wie mein Herzschlag.

Es ist noch immer kühl in der Stube. Auf dem Holztisch steht die große Schüssel mit Obst. Und ein paar Nüsse sind auch schon dabei.
Nüsse? Im Sommer? Irritiert runzle ich die Stirne.
Ansonsten Äpfel. Eine Birne. Und Zwetschken.
Ich höre und sehe niemanden.
Aber auf einmal vis à vis, auf der anderen Seite vom Tisch, steht ein Kind.
Um die 5 Jahre alt oder so?
Ach ich kenne mich doch nicht aus mit Kindern….

Die Kleine schaut mich an. Traurig der Blick.
Sie schweigt.
Macht nix.
Ich schweige ja auch.
Lustig. Sie hat ein Grübchen.
Sehr hübsch.Und die Augen auch.

Sie greift sich eine Zwetschke und poliert diese an ihrem Leiberl glänzend, beisst die Hälfte ab, entfernt mit den Zähnen den Kern und verspeist genüsslich den 2. Teil.

Amüsiert beobachte ich die Kleine. Jetzt möchte ich schon mal wissen, wie sie heißt. Als könnte sie meine Gedanken lesen, spricht sie mich mit erstaunlich dunkler Stimme an: „Ach, Du kennst mich doch schon ewig“, lacht laut auf, öffnet die Türe und dreht sich noch einmal um zu mir: „Vergiß dieses Mal nicht auf mich“. Ich mache eine paar Schritte auf die Türe zu, dann….

„He, passen Sie auf, gnä´Frau!“ Erstaunt schaue ich auf – der Obst-  und Gemüsehändler vom Stand 44 am Hannovermarkt hält mich an der Schulter fest. „Wollen Sie kosten ?“ Ich nicke gedankenverloren, nehme die angebotene Zwetschke und poliere sie an meiner Jacke glänzend. Dann beisse ich mit Genuss hinein und die Hälfte ab und entferne den Kern mit den Zähnen…
Jo. Ein Kilo bitte. Ich starre irritiert die 2. Zwetschkenhälfte an.
Was soll´s, die Wetterkapriolen machen mich ganz verrückt, denke ich mir,  esse die Zwetschke auf , zahle und verlasse den Markt.

Das kleine Mädchen, daß wie ein kleiner Bub aussah, und hinter dem Händler verschmitzt zu mir herüberlachte, konnte ich nicht mehr sehen.
An diesem Abend stand ich nach dem Zähneputzen noch lange vor dem Spiegel und überlegte, warum mir noch nie so genau meine Grübchen aufgefallen waren……

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