Nummer 53

Clara betrachtete zufrieden ihre Arbeit.
Für jeden Gast hatte sie ein Päckchen geschnürt, liebevoll und aufwändig.
Auch die Briefe an die Gäste waren geschrieben.
Mit der Hand. Mit schwarzer Tinte, natürlich.
Sie lachte lautlos in sich hinein, denn die Einladung an all jene Menschen, die sie die letzten Jahrzehnte begleitet hatten, war schon spannend genug gewesen.

Sie enthielt die dringliche Aufforderung, sich an einem bestimmten Tag an einem bestimmten Ort um eine bestimmte Zeit einzufinden, da es was Wichtiges zu feiern gäbe, was die Anwesenheit der eingeladenen unbedingt erforderlich machen würde. Und ebenso nachdrücklich war die Bitte, zu kommen – koste es was es wolle.

Der Einladung war eine Büttenkarte beigelegt, vorfrankiert, auf der die illustren Gäste ihr Kommen bestätigen mögen. Die Möglichkeit einer Absage war nicht vorgesehen auf den handgeschöpften Büttenkarten.

Tatsächlich: Alle hatten die Karte zurück geschickt. Fast alle. Bis auf Eine.
52 Karten lagen vor ihr. Die 53. war nicht zurückgekommen.
Diverse Anrufe hatte sie ignoriert, hatte sie doch gebeten, nicht nach zu fragen.

Es läutete an der Türe. Wie vereinbart stand Dr. M. vor der Türe, der Rechtsanwalt, der sich in der letzten Zeit um alles gekümmert hatte. Er nahm den Karton mit den Geschenken entgegen. „Sie sind sich ganz sicher, Clara?“ -„Ganz sicher“…

Clara übergab ihm noch den USB Stick, drückte Dr. M. die Hand und lächelte ihm aufmunternd zu.
Dr. M. nickte und ging Richtung Lift und drehte sich nochmal um, als würde er noch was sagen wollen. Fast traurig schaute er in Ihre Augen, dann klappte die Lifttüre,
Clara seufzte erleichert, der größte Teil des Planes war erledigt.
Jetzt ging es nur noch um das genaue Timing.
Sie setzte sich in den Lehnstuhl, öffnete das Fenster und atmete tief die laue Abendluft ein und wartete.
***
Fröhlich und aufgeregt fanden sich alle Eingeladenen ein, einige kannten sich, und vereinzelt gab es ein großes Hallo ob des Wiedersehens…. Die Örtlichkeit war ganz wunderbar, ein ehemaliges Schloss, jetzt ein Hotel, mit wunderbarem Blick von der Terrasse über die Stadt. Dr. M. war auch vor Ort, platzierte die Gäste und sorgte für einen reibungslosen Ablauf.

Als alle ihr Glas Prosecco in der Hand hatten, erhob sich Dr. M. und bat um Aufmerksamkeit.
Clara sei noch nichts, aber die Gäste mögen sich noch etwas gedulden es würde nun das Dinner serviert werden, und wünschte eine gut Unterhaltung.

Niemand machte sich wirklich Gedanken, Clara war immer schon für eine Überraschung gut gewesen, auch wenn niemand der Anwesenden sie in den letzten 5 Jahren gehört oder auch gesehen hatte. Sie hatte sich komplett zurückgezogen gehabt, und im Alltag der Beliebigkeiten hatte man ein Sich Melden immer wieder hinaus gezögert.

Fast erleichtert hatten die 52 festgestellt, dass offenbar eh alles in Ordnung da es wurde geplaudert, gegessen, getrunken; wer eigentlich die Gastgeberin war, hatte die Meisten rasch vergessen.

Dr. M. war etwas abseits gegangen, um Clara zu berichten.
Sie war zufrieden. Nichts anderes hatte sie erwartet.

Vor dem Dessert ersuchte Dr. M. wieder um Aufmerksamkeit und verteilte die Päckchen. Aufgeregt wie die kleinen Kinder wurden diese ausgepackt, jede und jeder betrachtete die individuell ausgesuchte Gabe, die auf die Art der Verbindung mit Clara hinwies.
Im beigelegten Brief bedankte sich Clara für den gemeinsamen Weg und hatte ein Bild beigelegt, aus Zeiten wo man Clara noch als die Clara gekannt hatte. Die Zeit vor ein paar Jahren. Die Menschen verfielen in Schweigen, sie lächelten und schwelgten in ihrer eigenen Erinnerung.
Dr. M. schickte eine Nachricht.

*******
Clara schaute auf ihr Mobiltelefon – kurz vor 22 Uhr, es war soweit.
Sie atmete tief. – sie hatte es so entschieden. Sie stand auf…

******

30 Sekunden vor 22 Uhr bat Dr. M. das letzte Mal um Aufmerksamkeit und sagte ein paar Worte.
52 Menschen schworen Stein und Bein, dass Dr. M. irgendwas von Auszeit und Abschied und Rückzug, den man respektieren sollte, gesagte hatte.
Punkt 22 Uhr erklang Musik. 5 Minuten 44 Sekunden lang.

Nach 3 Minuten 10 Sekunden klappte die Türe. Gast Nr. 53 betrat die Terrasse – ihr Blick traf den Blick von Dr. M.
Ihr Blick war fragend. Dr. M. schüttelte unmerklich den Kopf.
Ihre Augen füllten sich die Tränen.
********
Um 4 Minuten 45 streifte ein Lufthauch durch Claras Haar, auch sie hörte das Lied.
Sie lächelte. Es war perfekt gewesen.
Und sei war glücklich. Auch Gast 53 war noch gekommen.

Jetzt war das Projekt abgeschlossen. Fast.
Sie trat zum Fenster.
Bei Minute 5 und 47 Sekunden war Clara tot.

***

Gast Nummer 53 sprach die Abschiedsworte am Grab.
Für sich und für Claras Seele.
Gast Nummer 53 war nämlich die Einzige.
Wie es Clara vorausgesagt hatte.

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