Max lächelt

Max lächelte.

Das war nicht immer so.
Es war gar nicht allzulange her, da war sein Alltag ziemlich grau. So zu mindestens sah es seine Umgebung.
(Im Nachhinein wollten es alle gewußt haben)Also auch bei strahlendem Sonnenschein.
Max verliess täglich um 7 Uhr und 4 Minuten das Haus.
Abzüglich der 120 Sekunden, die er brauchte, um den Müll zu entsorgen, brauchte er 4 Minuten zur Tramway Haltestelle. Tramway. Das verstand kaum mehr jemand. Also die jungen Kollegen in seinem Büro jedenfalls nicht.
Täglich um 7 Uhr 22 legte er abgezählte 99 Cent auf die Theke des Bäckers für ein Schokocroissant.
Er nickte jeden Tag der Verkäuferin zu und sprang jeden Tag im letzten Moment in die Ubahn.
Die 23 Minuten Fahrzeit verbrachte er mit der Gratistageszeitung, die er, wenn er sie ausgelesen hatte, wieder in den Zeitungsspender beim Zugang der Bahnstation zurücklegte.
7 Uhr 55 betrat er die Firma , um 7 Uhr 58 sein Büro und um Punkt 8 Uhr loggte er sich auf seinem PC ein.

Die jungen Kollegen belächelten den schweigsamen Leiter der Innenrevision, nach dem man die Uhr stellen konnte.
Wenn Max sprach, dann mit leiser und sanfter Stimme, die er selten erhob, nur manchmal ein bißchen schärfer war.
Er sah auch keinen Vorteil darin in der Kaffeeküche Informationen auszutauschen.
Er wußte sowieso alles.

Seit Jahren rätselte die ganze Firma, angefangen vom Vorstand bis zur Putzfrau, woher Max so gut informiert war . Aber letztendlich war es ihnen egal. Er machte seine Arbeit gut, er beschützte die Firma vor Werksspionage, sorgte dafür, daß der Aussendienst keine betrügerischen Reisekostenabrechnung mehr ausfüllten, bewahrte eine Kollegin die bösartig gemobbt worden war, vor dem Suizid und war ein Mahner der Ethik und des Anstandes im Umgang mit dem “human capital”auf Vorstandsebene.

Wenn Max um 17 Uhr 30 die Firma verliess, war es für alle ein großes Rätsel, mit wem er seine Abende verbrachte, was er in seiner Freizeit machte, was er aß

Eines Tages versuchten 2 Auszubildende ihm zu folgen und zu schauen, wo er den wohnte und was er so treibe.
Am nächsten Tag meldeten sich die 2 Burschen krank und einige Zeit später kündigten sie, ohne je wieder in die Firma zurück zu kehren.Angeblich sind sie nach Südamerika abgehaut. Die ungestüme Jugend halt.
Nach einiger Zeit waren die Burschen vergessen, und keiner konnte oder wollte sich noch daran erinnern.
Es kursierten ein paar Gerüchte, vielleicht ein wenig mehr als bei Anderen.

Die verläßliche Präsenz von Max, zu wissen, solange Max da ist, kann nichts passieren, wiegte die Firma in Sicherheit.
Dabei war Max eines Tages einfach dagewesen.
Keiner konnte sich so genau erinnern, wie sich das abgespielt hatte, der erste Arbeitstag von Max.
Seit exakt 5 Jahren war Max da. So sagten die anderen Kollegen, wenn neue Mitarbeiter eingestellt wurden.

Max lächelte vor sich hin.
Er stellte sich die Gesichter vor, wenn er heute nicht erscheinen würde.
Er hatte sauber und exakt gearbeitet.
E haßte Ungenauigkeit und Chaos.

Er schaute in seine Unterlagen.
Sein Flug würde exakt um 8 Uhr starten.
Er sperrte sorgfältig die Wohnung ab, stieg in den bestellten Mietwagen und
wies den Fahrer an, in zum Flughafen zu bringen.
Später konnte der Fahrer den Fahrgast mit der leisen Stimme nicht mehr beschreiben, und konnte sich auch beim besten Willen nicht erinnern, wo er ihn genau abgeholt hatte.

Um 8 Uhr 5 schaute die Empfangssekretärin fassungslos in Max Büro und konnte nicht glauben, was sie da sah:
Nichts.
Nur ein Schreibtisch, ein Stuhl. Und ein leerer Kasten.
Eine ganz leichte Staubschicht war sichtbar.
Sie rieb sich die Augen, fuhr sich über die Stirn, schüttelte irritiert den Kopf
und schloss wieder die Tür. Sie murmelte wohl irgendwas vor sich hin, von wegen Überarbeitung:

2 Stunden später war die Hölle los in der Firma.
Der Vorstand saß bleich  im Besprechungszimmer, der Steuerberater und der Firmenrechtsanwalt versuchte zu verstehen, und die Mitarbeiter verstanden nicht worum´s ging.
Auf den Firmenkonten war jedenfalls kein Geld mehr.
Und gab keine Unterlagen, keine DNA Spuren:
Jeder hatte das Gefühl, daß es doch da jemanden in der Firma gegeben hatte, aber es konnte sich keiner erinnern.

Irritiert war  der Hausmeister des Wohnhauses, daß er den Schlüssel von Top 18 in seinem Postkastl fand. Er betrat die Wohnung. Keine Auffälligkeiten. Da wollte doch jemand… ? Mh. Egal.

Als um 8 Uhr das Flugzeug abhob, blieb ein Platz leer, und das bei einem völlig überbuchten Flug. Dafür konnen sich die Flugbegleiter über einen neuen Kollegen freuen, der für den kranken Kollegen eingesprungen war. Die Frauen fanden ihn ein wenig still, aber seine leise, bestimmte Stimme faszinierte sie, Auch der Geschäftsmann in der Businessclass in der dritten Reihe, fand den interessanten Mann, der einfach einen Job angenommen hatte, um sein Leben zu finanzieren, obwohl er ein Wirtschaftsprofi war, so beeindruckend, daß er ihm seine Visitenkarte gab.

Die Firma war in einen handfesten Skandal verwickelt – Erpresssung, Nötigung, Mord… es gab etliche Verurteilungen, vor allem,  als man die Leichen der beiden Lehrlinge in einem der Lagerräume fand…

An einem Montag im Mai betrat ein Mann  im grauen Anzug ein  mehrstöckiges Bürohaus. Mit leiser und bestimmter Stimme teilte er mit, daß er der neue Leiter der Revision ist und erwartet werden würde und steckte die Visitenkarte wieder in ein Sakko.

Max lächelte.

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