It don´t mean a thing

Das war  jetzt das dritte Mal, daß ich nun zu einem anderen Counter gewechselt bin.
Die langbeinige, blondierte Brünette mit zuviel Rot auf den Lippen hatte mir die Wartenummer beim Eingang des Nespressoshops (Boutique, Pardon ) in die Hand gedrückt. Hinauf gebeten in den 1. Stock , würde ich, wenn ich meiner Wartenummer am Bildschirm folge, entsprechend bedient werden. Dazu allerdings wäre es notwendig gewesen, wenn diese Nummer auch  erscheinen und sichtbar bestehen bleiben würde. Was nicht geschah. Im Gegenteil. Die Nummer sprang von Bildschirm zu Bildschirm. Bis sie gänzlich verschwand.

B. und ich stellten uns endgültig bei irgendeinem Counter an, das Wort Budel kam mir ja vor elegantem Schreck gar nicht mehr über die Lippen. Mein Puls war auf 100, aber , endlich schaute  nach Fortschritt aus.Ein blonder Jüngling, mit kaum wahrnehmbaren Bartflaum und Restakne auf ungesund rosigen Wangen, fixierte mich und fragte mit bundesdeutschem Akzent knapp: „Bitte?“ um mein Begehr. Ich hub bereits an, meine Wünsche nach Ristretto, Lungo und Co loszuwerden, auf das ich unter Mißachtung meines ökologischen Fußabdrucks, wieder Cafecrema in meiner  Tasse habe.

Der Reservesiegfried blickte auf meine Wartenummer,  ein boshaft-maliziöses Lächeln umspielte seinen dünnen Mund und in seinen Augen blitzte es triumphierend auf: „Ich bin für sie nicht zuständig, das ist der falsche Counter….!“

Ich wurde blass. Für mich spürbar blass. Die Galle schüttete Gift aus, ich trat ein oder zwei Schritte nach hinten, auf meinen Hintermann drauf, und sagte scharf, deutlich, leise, aber nicht so leise, daß mich nicht alle hören konnten.

„Ich warte in diesem Scheissladen seit 30 Minuten bei 3 verschiedenen Budln, daß ich dran komme um Eure beschissene Kapseln zu kaufen, die sowieso überteuert, aber leider sehr gut sind.  Bin ich Kunde oder Trottel?“
Freundin B. hielt mich am Oberarm fest – in guten wie in schlechten Zeiten; das waren eindeutig schlechte Zeiten ! –  Das Siegfried-Surrogat hatte Schweißperlen auf der Stirn, fing etwas an zu hyperventilieren und erstarrte. Die Menschen um mich herum waren im freezing Modus und starrten zur Szene. Die Temperatur sank ungefähr um 5 Grad, Duke Ellington verstummte. Die Uhr blieb stehen. In diese Szene schob sich auf einmal das Gesicht einer jungen Dame   in mein Gesichtsfeld – die diensthabende Teamleiterin schob sanft,  aber entschieden Klein Siegfried zu Seite, suchte den Blickkontakt mit meinen auf Stecknadelgröße geschrumpften Pupillen und sagte freundlich, leise aber bestimmt „Frau Pipa, was kann ich für Sie tun?“
In diesem Moment drehte sich die Erde wieder,  Duke Ellington sang wieder  -It Don’t Mean a Thing …
Stimmengewirr rund herum, die Menschen kamen und gingen… Kaffeeduft, Dampfgezische.
Als wäre nichts passiert.

(Entstanden beim Schreibworkshop *Personal Essay*  beim Open House  im  writer´s Studio am 19.9. 2015)
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