Die Liste – 3


Cleo war einfach für ein paar Wochen untergetaucht gewesen. Die Ruhe hatte ihr gut getan –  sie war in Oberlauf an der Oblach gewesen, ein kleines Kaff nahe der Grenze mit maximal 1000 Einwohnern, einer Kirche, 3 Wirten, 2 Kaffeehäusern, 1 Supermarkt, 1 Trafik und 2 Ortsteichen. Und einem Kurzentrum, daß den Menschen in der Umgebung Arbeitsplätze verschaffte.

Rund 200 Kurgäste wuselten täglich durch die Therapieräumlichkeiten und zu den festen Essenszeiten in den Speisesälen.
Die 8 Wochen – Kur, die Cleo bewilligt bekommen hatte,  verschaffte ihr den  ungeahnten Genuss, sich eine Zeitlang um nichts kümmern zu müssen, was normalerweise  ihren Alltag so mühsam machte.

Nur die Tischnachbarn waren eine tägliche Herausforderung gewesen  – aber Cleo hatte ja Übung darin, die Menschen um sie herum einfach zu ignorieren.

Nun war sie wieder zu Hause angekommen. Eigentlich schon vor 6 Wochen. Wie hatte sich Uriah gefreut, als sie die Kleine von ihrem Pflegeplatz abholte. Der Alltag war wieder eingekehrt, und das herbstliche  Wetter drückte auf Cleos Stimmung. Aber besser ging es ihr dennoch. Die körperlichen Schmerzen waren weitaus weniger geworden und die Wutanfälle auch.

Nur das Thema mit der Ordnung war ein Thema geblieben. Sie schielte in die Ecke , wo noch immer die Koffer standen,  genau dort, wo sie sie abgestellt hatte, als zurückgekehrt war. Auch heute verspürte sie keine große Lust, diese in den Abstellraum zu verräumen.

Cleo warf den Stapel mit der Post, die sie nach 2 Wochen endlich wieder aus dem Brieffach geholte hatte, auf den Tisch. Genau genommen auf den Stapel der Post der Wochen davor. Sie hatte wie so meist keine Energie sich darum zu kümmern.

Sie zog die Liste zu sich heran: An oberster Stelle stand noch immer die Nachbarin, und die weiteren Plätze teilten sich der Stiefvater , die Mutter,  die hinterfotzige Kollegin und  der Briefträger, der zu faul war, ihr die Rekommandierten Briefe zu bringen. Trotz Lift.  Es war höchst an der Zeit, sich um die Erstplatzierte zu kümmern. Sie lächelte böse vor sich hin. Weihnachten stand vor der Türe. Das Fest der Liebe. Und des Alkohol. Vor allem für die Nachbarin.

Sie wußte inzwischen, daß diejenige gerne und viel trank. Besonders gerne Cognac. Das würde ihr Budget ziemlich anknabbern. Aber die Zeit war reif. Sie loggte sich beim Dealer ihres Vertrauens ein, und bestellte 1 Flasche Pierre Ferrand Reserve. Sie kicherte. Der verstorbene Mann von Frau Sieber hatte Peter geheissen. So kleine subtile Sticheleien machten den Tag gleich schöner. Wie immer  nutzte sie ihren Zweitaccount zum Bestellen und surfte via Anonymizer durchs Web mit einer gefakten IP Adresse.

Der Kumpel, der sie in die Geheimnisse des spurenlosen Internetgebrauchs eingeweiht hatte, saß zwar derzeit im Gefängnis, aber er hatte sie ausreichend gebrieft. Sie nahm sich vor, Tim bald wieder zu besuchen. Seinen schrägen Humor hatte er noch nicht abgelegt, trotzdem die Chancen für eine vorzeitige Entlassung nicht gerade groß waren. Er kämpfte gerade für sein Wiederaufnahmeverfahren. Es ware merkwürdige Umstände gewesen, die ihn in den Bau gebracht hatten.
Ein Klick noch, und die Bestellung war  getätigt. Bezahlt per Prepaid Kreditkarte. Abzuholen aus der Postbox. Alles wasserdicht.
Eigentlich schade um den guten Cognac.

BTO maunzten schon wieder um Futter, und auch Cleo wollte offenbar hinaus. Sie nahm sich fest vor,  nachher die Koffer wegzuräumen. Ihr Blick fiel auf dem Poststapel – sie blätterte ihr flüchtig durch. Oha – eine Postkarte. Handgeschrieben. Das hatte Seltenheitswert. Enttäuscht liess sie die Postkarte sinken. Gehörte ihrer Vormieterin. Wutentbrannt zerfetzte sie die Karte und liess die Schnipsel auf den Boden fallen. Sie versorgte das CatPack und machte sich mit Cleo auf zum nahe gelegenen Kanal.
Die Bewegung würde sie auf andere Gedanken bringen. Sophie hatte ihr ja dazu geraten. Bewegung um Körper führt zu Bewegung im Geiste. Das brauchte sie jetzt. Sie dämpfte ihre Zigarette aus.Cleo sprang fröhlich herum, und zauberte ein Lächeln in ihr Gesicht. Der kleine Terrier würde sie niemals enttäuschen.

(Fortsetzung folgt)

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