Die Liste – 1


Die Liste – eine Geschichte, ein Buch, das entsteht – wie lange und wieviel? Das weiß ich selber noch nicht. Die Protagonistin ist ein wenig zickig.
About: Cleo, Anfang 50, lebt  mit ihren 3 Katzen Bachmann, Turner und Overdrive, sowie Jack Russell Terrier  Mrs. Uriah Heep in einer Großsstadt, führt einrelativ unauffälliges Leben, unterrichtet unter anderem an einer Berufsschule, gibt Kurse an diversen Bildungseinrichtungen, kocht leidenschaftlich gerne und befindet sich in einer Lebenskrise.  Sie hat so ein paar Probleme, von denen keiner weiss. Und vor allem hat sie eine Liste. Mit all jenen Menschen mit denen sie noch eine Rechnung offen hat…….
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Die Sonne kitzelte in der Nase, die Straßenbahn – Niederflur, altes Model – rumpelte vorbei und ein Hund kläffte. (Kategorie Fußhupe).

Cleo schlug die Augen auf, und suhlte sich in 20 Sekunden Wohlgefühl, daß sich allerdings schlagartig änderte, als ihr Blick auf die Uhr fiel.

11 Uhr. Sonntag. 13 Uhr 30 Billeteurdienst. Sie seufzte und fluchte leise vor sich hin. Scheissnebenjob. Ruhig, schalt sie sich selber, sei froh, daß Du den hast. Sie war immer sehr kommunikativ mit sich selber. Also fast immer.

Cleo hiess nicht Cleo, sie hiess laut Geburtsurkunde Agathe. AGATHE. Als ob das ein Name wäre, mit dem man auf die Straße gehen kann. Ihre Mutter. Hysterischer Fan von Agatha Christie. Die hat ihn ausgesucht. Die Mutter stand schon längst auf der Liste.
Als Cleo pardon Agathe 15 war, und sie das letzte Mal vom Stiefvater verdroschen wurde, beschloss sie, daß es wohl am Namen liegen müßte, daß sie ein willkommenes Opfer des 2. Mannes ihrer Mutter war.

Und ab diesem Zeitpunkt nannte sie sich Cleo. Erst nur für sich, später dann für alle anderen – gleichsam, als Künstlername.
Der erste und letzte sexuelle Übergriff des Stiefvaters galt Agathe, Cleo wurde nie belästigt.

Seufzend erhob sie sich vom Bett. Der Ischias schmerzte, die Hüften auch, die 3 Katzen Bachmann, Turner und Overdrive wuselten um ihre Beine…. Laaaaaangssam, meine Süßen, ich komme ja schon. Raubtierfütterung.
Sie gähnte. Sehr zuträglich die Nacht, weil schlaflos, am Balkon am Laptop zu verbringen. Und erst um 7 Uhr 30 schlafen zu gehen.

Ihr Blick fiel auf Uriah Heep. Der kleine Jack Russell Terrier. Eigentlich ein Mädchen. Aber zuckersüß. Diese schlief tief und fest. Cleo lächelte zärtlich vor sich hin. Seit dem sie die Tiere wieder bei sich hatte, durch einen unglücklichen Umstand und der Bosheit der Nachbarin waren ihr diese kurzfristig abgenommen worden, ging es ihr wieder besser. Die Nachbarin. Die stand seit dem 2. Monat ihres Einzuges auf der LIste.

Natürlich hatte sie ein Ordnungsproblem. Das stritt sie ja gar nicht ab. Sie wußte natürlich, daß es nicht nur ein Problem war sondern eine ernsthafte Katastrophe.Ihr Blick fiel auf den Boden vor der Balkontür. Warum Uriah dort hingepinkelt hatte und auch gekotet (sie hasste dieses Wort ) wußte sie nicht… sie war ja in der Früh 2 Stunden unterwegs gewesen, in den erwachenden Morgen hinein.
Seufzend und vor sich hin summend machte sie den Boden sauber.
Irgendwie machte sich ein Grant in ihr bemerkbar.

Diese Zorn und Wutanfälle kamen und gingen, wie eine Welle. Sie wußte, daß sie dem keine Bedeutung beimessen sollte.Sophie, ihre Therapeutin, empfahl immer wieder : Atmen hilft.

Während sie also unter der Dusche stand, übte sie dieses mentale Atmen , und während die Welle verebbte fiel ihr zum Thema Hunde und Katzenexkremente am Boden der Tip ein, den sie letztens bekommen hatte. Wodka. Mit Wodka befüllte Sprühflasche. Und die Lieblingsstellen besprühen. Und Billigwodka nehmen.
Nun gut, mit ihren Lieblingswodka hätte sie sowieso nicht gesprüht.

Der Wodka kam auf die Liste. Auf eine andere.
Nicht die Liste wo ihre Nachbarin stand (ganz oben), der Stiefvater, die Mutter, Ex Freundinnen, und alle möglichen Leute die sie nicht ernst genommen haben. Nicht gewürdigt haben.Sie lächerlich gemacht haben. Herablassend waren. Ihre Achillesfersen mehrfach angegriffen hatten. Da gehörte auch die eine Kollegin dazu, die falsche Schlange. Diese bösartige und hinterfotzige, opportunistische Schlampe. Die stand relativ weit oben….auf der Liste.

Cleo machte sich auf den Weg zur Franz-Kafka-Halle, wo eine Veranstaltung stattfand, wo sie wieder als Publikumsdienst jobben durfte. Oder ganz simpel: Billeteurin.
Dieser Zweitjob brachte ihr ein wenig Erleichterung in ihrem finanziellen Desaster, das seit 2 Jahren wieder herrschte. Den Exekutor gab sie nicht auf die Liste. Der war eigentlich ganz nett. Bandscheibenschmerzgeplagt.

Heute gabs ein Konzert mit Auftritten von mehr oder weniger glücklosen Casting Show Teilnehmern, erwartet wurden ca. 3000 Personen, mehrheitlich kreischende Teenies.

Der Dienst begann eigentlich ganz O.K. Cleo stülpte ihre derzeit genau genommen nicht vorhandene Sozialverträglichkeit nach aussen, und zog sich die unsichtbare Schellenkappe über, und scherzte da und dort, und ging auf die frauenfeindlichen Witze der Kollegen nicht ein. Und auch nicht auf die gehässigen Bemerkungen über Kampfemanzen. Das Sommerthema Genderdebatte. Das Binnen-I.

Sollte sie wirklich die Kollegen anfangen zu brüskieren mit dem Hinweis auf Wittgensteins Zitat: Sprache schafft Wirklichkeit?
Die waren mehrheitlich eh alle recht lieb.

Sie war froh, als sie auf ihrer Position stand. Die Wutwelle war verebbt, die Schmerzen fast weg, auch der immer schmerzende rechte Fuß liess sie heute in Ruh.

Sie machte vorbeugend ein paar Atemübungen….. das war gut so, ein Konzertbesucher wollte schon rein.. Einlass erst um 15 Uhr, leider, bedeutete sie ihm. Der tobte vor Wut, klopfte gebieterisch an die Glastür. „Habts an Vogel? Ich habe VIP Karten“ brüllte er..Es war kurz vor 14 Uhr. Auch ein typischer Listenkandidat. Dreist. Von oben herab. Sie klein machend.

Das haben sie immer wieder gemacht. Viele Männer. Und auch Frauen. Klein.Minderwertig.
Sie hasste im Grunde genommen diesen Körper, in den sie hineingeboren worden war. Breite Hüften. Gebärfreudiges Becken nannte das Roland, der Ex Freund. Der stand nicht (mehr) auf der Liste, der war ihr egal geworden.

Sie hatte seit jeher Probleme mit ihrem Gewicht. Nein, die Umwelt hatte das. Sie diätete, sportelte und fraß sich rauf und runter, zwischen 65 kg und 120 kg.

Einer dieser Reif für die Liste – Menschen war eine Ärztin im St. Philomena Krankenhaus, die die Beweglichkeit bei einer Durchuntersuchung testete, und mit dem Charme eines Reisswolfes und der Feinfühligkeit eines Elefanten ihr mitteilte, daß sie ja auch mit 65kg nicht gerade schlank wär.

Das Essen war bei Cleo zu Hause insofern ein Drama, als dass sie ab dem Zeitpunkt ihrer Pubertät ständig mit dem Herrn Stiepapa über ihre Essensmenge diskutieren musste. War DIE perfekte Erziehungsmethode, denn nun aß sie heimlich. Wie ein Scheunendrescher.

SIe fand sich auch nie schön. Nicht mal durchschnittlich. Aber zumindestens war sie jung. Damals.Mit 52 Jahren nicht mehr. Sie wollte damals schön sein. Und alle liegen ihr quasi zu Füßen. So lag sie meist zu Füßen, adorierte schöne Menschen, die auf ihr herumtrampelten.
Das einzige was sie recht gut fand, waren ihre Hände, Und das eine Grübchen, wenn sie lachte. WENN sie lachte.
Und sie hatte ihre Sprache, wenn sie nicht gerade sprachlos war. Dann sprach sie inwändig.

Die Listen gibt es schon sehr lange. In frühester Kindheit hat sie angefangen. Auch die Stiefmutter steht darauf.

Cleo liebte ihre Listen. Vor allem an lauen Abenden, wo sie sich dann mit der „Schönen Liste“ beschäftigte. Wichtige WegbegleiterInnen, wunderbare Menschen, die sie am Leben hielten, für die auch durchaus ihr Herz schlug.

Das Herz schlug auch für ihre Therapeutin, jedoch vergrub sie diesen Gedanken ganz, ganz schnell in den Tiefen ihrer Seele.

Die Teenies waren startbereit und beim Öffnungsgong stürmten die ersten 1000 Menschen rein.

(Fortsetzung folgt)

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